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die lebensnotwendige Schönheit der Architektur

eine Position von Nationalratskandidatin Barbara Seiler

Das Mit­tel­al­ter war eine har­te, schwie­rige Zeit: Kälte, Hun­ger, Ar­mut, Fol­ter, Seu­chen, Raubüberfällen, Leib­ei­gen­schaft…​​ ich bin froh, in der kom­for­ta­blen Mo­derne zu le­ben, mit Men­schen­rech­ten, Bil­dung, Des­in­fek­ti­ons­mit​​­teln, Kühlschränken und flies­send heis­sem Was­ser!

Allerdings,​ es gibt mindestens eine Sache, die unsere Vorfahren im Mittelalter deutlich besser hinkriegten als wir heutigen: die lebensnotwendige Schönheit der Architektur.

Wenn Häuser das Herz berühren…
Irgendwie schafften es die Leute im Mittelalter, mit all den Problemen, die sie hatten, Häuser zu bauen, deren Schönheit uns heute noch das Herz zu Tränen rührt. Und nein, das betrifft nicht nur die Paläste: ganz normale Wohnhäuser von ganz normalen Leuten haben das gewisse Etwas, das Walt Disney dazu inspiriert, diese Art Häuser in seinen Filmen darzustellen, das Touristen dazu bringt, fleissig zu fotografieren, und Einheimische, sich die schönsten Gebäude ihrer Heimatstadt tätowieren zu lassen, und ja, auch als Wohnungen und Arbeitsplätze sind sie begehrt und werden heiss und innig geliebt.

… oder auch nicht

Leider trifft dies auf die meiste moderne Architektur nicht zu. Egal ob es sich um Billig-Plattenbauten handelt oder um prestigeträchtige Objekte weltbekannter Architekten: das Allermeiste ist kalt, steril, unangenehm, vermittelt keine Gemütlichkeit und keine Geborgenheit.

Ist das wirklich das Beste, was unsere moderne, aufgeklärte, reiche Gesellschaft zustande bringt? Können wir das nicht besser?

Schönheit ist nicht Geschmackssache
Die architektonische Schönheit, die unser Herz berührt, ist eine objektive Qualität – nicht beliebig und frei wählbar. Wenn Schönheit beliebig wäre, müssten viel mehr Tiefgaragen mit niedrigen Decken, trüben Neonlampen und Ölflecken auf dem Boden als Ikonen architektonischer Schönheit verehrt werden! – bloss, irgendwie passiert das einfach nie.

die Schönheit, die ich meine, ist tief in der Biologie des Menschen verankert – das Empfinden von Schönheit zeigt uns Orte an, wo es möglich ist, ganz sich selbst zu sein. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“ ruft es sich so viel leichter in mittelalterlichen Gassen statt in einem modernen Bürogebäude.

Mittela​​lterliche Gebäude haben Qualitäten, die wir auch in der Natur finden: Es gibt in der Regel lokal immer gleiche Typen von Gebäuden – von denen jedes aber ein bisschen anders ist, jedes an seinen Ort angepasst ist, so wie ein Wald viele Bäume derselben Sorte hat, aber kein Baum ist genau gleich wieder andere.

Oft strukturieren alte Häuser winzige Räume optimal, jede Ecke ist nutzbar und nützlich, es gibt keine toten Flächen – SO geht verdichtetes Bauen!

Es entstehen Wohnungen, die durchaus einfach sein können, klein, vielelicht sogar sehr klein – aber sie sind menschlich, und sie tun alles, was ein Haus tun muss, nämlich den Körper des Menschen schützen und seinen Geist friedlich machen.

Moderne Gebäude – objektive Hässlichkeit
Die modernen Gebäude sind leider im Schnitt so hässlich, dass man schon froh sein muss, gelegentlich eins zu treffen, das nicht ganz so schlimm ist wie die andern. Auch hier ist die Hässlichkeit keine Geschmackssache: moderne Gebäude haben in aller Regel Hunderte, Tausende von Details, die bei den Bewohnern und Benutzerinnen Stress hervorrufen.

Stress ist hier im grundlegenden körperlichen Sinn gemeint: viele moderne Gebäude wecken ständige Kampf/Flucht-Reaktion​​en bei den Benutzern und Benutzerinnen, und mit der Zeit zehrt das an der Gesundheit. Das können Lichter sein, die blenden; zu trockene Luft durch Klimaanlagen; automatische Haustechniksysteme, sodass zB Sonnenstoren nicht individuell eingestellt werden können; lange dunkle Gänge; Konferenzräume mit schlechten akustischen Eigenschaften; übergrosse Fenster, die das ganze Privatleben ausstellen; fehlende Sitzgelegenheiten, Bänke, Mäuerchen; schneidende Winde rund um Hochhäuser; Fenster, die sich nicht öffnen lassen…

Massnahmen​​ zur Verbesserung
Hier sind einige Ideen, in welche Richtung Massnahmen gehen könnten, damit wir endlich wieder mal auf breiter Basis Wohnungen und Häuser haben, die diesen Namen auch verdienen:

Bauen für die Ewigkeit

Ressourcen sind selten und kostbar – entsprechend verantwortungsvoll wollen wir mit ihnen umgehen! Eine der wirksamsten Massnahmen für Nachhaltigkeit ist bestimmt, alles, was man baut, solide und langlebig zu bauen, sodass wir als Gesellschaft unseren Nachkommen ein positives, nützliches Erbe hinterlassen können und nicht bloss riesige Haufen von Schrott und Sondermüll. Also: Pflästert eure Strassen, fragt nach langlebigen, leicht reparierbaren Materialien, baut nicht nur für euch, sondern auch für die Urururenkel, die einst unsere Bauten benutzen werden!

Nutzerbedürf​​nisse konsequent berücksichtigen

Wenn heute über Architektur geschrieben und gesprochen wird, fallen viele Stichworte wie „interessant, originell, skulptural“ Etwas weniger oft – viel zu wenig – wird die Frage erörtert, wie es sich denn in diesen skulpturalen Interessantheiten lebt und arbeitet? Und wie es den Leuten geht, die sich bei und neben dem Gebäude bewegen? Wenn Architektur konsequent im Dienst der Menschen wäre, die ein Gebäude, ein Dorf, eine Stadt bewohnen, die Welt sähe heute deutlich anders aus, als sie aussieht. Gebäude müssen keineswegs originell oder aussergewöhnlich sein – es reicht meist schon, wenn sie ganz normal angenehm und liebenswürdig sind.

Stärkere demokratische Kontrolle bei der Raumgestaltung

Inzwisc​​hen hatten wir alle mehr als genug Gelegenheit, zu sehen, was herauskommt, wenn private Investoren bauen: Seelenlose, kalte Glas-Beton-Stahl-Mons​​ter, tote Quartiere, Gewalt und Kriminalität. Da der Boden und somit auch der verfügbare Wohn- und Arbeitsraum in der Schweiz eine sehr knappe Ressource ist, gehört diese Ressource im Sinne des Gemeinwohls durch demokratisch legitimierte Stellen verwaltet, und nicht durch Private, die in erster Linie für persönlichen Profit arbeiten. Da gilt sowohl bei Regeln fürs Neubauen, fürs Umbauen, aber auch für Vermietungen.

Es geht auch einfach

Gutes Leben muss nicht teuer sein. Wenn intelligent verdichtet gebaut wird – Vorbilder haben wir ja genug in unsern Altstädten – ist auch auf wenig Platz eine Menge Lebensqualität möglich. Ebenso braucht nicht jede Küche alle elektrischen Gadgets, um wohnlich zu sein – es ist sehr wohl möglich, das Geschirr per Hand zu spülen. Nicht jede neue Wohnung braucht den maximalen Ausbaustandard!

Neue​​ Lebensformen
Noch nie haben so viele Leute allein gewohnt wie wir heute. Das ist nicht unbedingt sinnvoll, denn jede einzelne Wohnung mit dem üblichen Zubehör zu bauen, kostet Platz und Geld. neue gemeinschaftliche Wohnformen, die sich an die alten Grossfamilien-mit-Anh​​ang anlehnen, dürften nicht nur mehr Lebensqualität bieten, sondern gleichzeitig weniger Platz und Geld benötigen.

Alte und junge Leute, grosse und kleine Wohnungen

Viele alte Leute bleiben im Haus oder der Wohnung, wo ihre Kinder aufgewachsen sind. Irgendwann ist diese Wohnung eigentlich zu gross, aber dennoch bleiben sie drin – ist ja verständlich, in der gewohnten Umgebung, mit den gewohnten Möbeln, im gewohnten sozialen Umfeld. Andererseits gibt es viele junge Leute, die eine Wohnung suchen, aber kaum eine finden. Es könnte nützliche Zusammenarbeiten geben: alte Leute lassen junge Leute für eine günstige Miete und Hilfe im Haushalt bei sich wohnen – und gewinnen dazu noch etwas nette Gesellschaft. Ein Gewinn für alle!